, Rechberger Martin

A rivederci a Basilea!

Wunderbares Chor-Treffen in Lugano

Darauf hatten sie lange warten müssen, die Sänger der Liedertafel und ihr Präsident. Ende 2018 war zum ersten Mal die Rede von einer Reise ins Tessin, im Jahr darauf nahmen die Liedertafel und die Cantori delle Cime di Lugano ihre Gespräche auf. Noch im gleichen Jahr waren sich beide Seiten einig: Die Basler kommen nach Lugano zum gemeinsamen Singen an der Vicanta 2021. Der Plan war gut, die Wirklichkeit nicht. Denn es geschah: Corona. Die Idee aber blieb und der Wille hielt stand. So bestiegen die Sänger der Liedertafel zusammen mit der jungen tafelrunde und den Sängerinnen des neu zur Liedertafel-Gruppe gehörenden Frauenchors Singvoll am Morgen des 18. Juni 2022 den Zug nach Lugano, um zusammen mit den Cantori delle Cime die Vicanta 2022 zu bestreiten. Die Rassegna di canto corale d'ispirazione popolare, wie Vicanta mit vollem Namen heisst, fand in diesem Jahr zum 28. Mal statt – und 2022 mit der Basler Liedertafel, dem ersten aus der Deutschschweiz teilnehmenden Chor überhaupt.

Die Gastgeber, die Cantori delle Cime (gegründet 1969) sind die gute Seele des Festivals und tragen seit Anbeginn die künstlerische Verantwortung. Im Palmarès der Cantori figurieren nicht nur Radio- und TV-Auftritte, sondern auch Auslandtourneen in Europa und Übersee – und ein Konzert in der Sagrada Familia in Barcelona. Seit 2008 stehen sie unter der Leitung von Manuel Rigamonti. Das Konzert unter freiem Himmel war grossartig. Die Chöre bestritten gemeinsam ein gut anderthalbstündiges Programm und sangen allein und zusammen: Die Liedertafel allein und mit den Cantori, die junge tafelrunde allein und mit Singvoll beide auch allein; tafelrunde. Die Cantori delle Cime traten allein und selbdritt mit der Liedertafel und der jungen tafelrunde auf. Über der Bühne sorgten eine grosse Muschel und eine klug eingestellte Verstärkeranlage für guten Klang; der musikalische Bogen über die vier Chöre zog sich von geistlicher Musik (als Beispiel das «Gloria» aus der Zweiten Messe von Gounod, Liedertafel) über das besinnliche «O du stille Zeit» von Cesar Bresgen (1939-1988; Singvoll) bis zum noch immer umwerfenden (Kitzeln im Bauch!) ABBA-Hit «Dancing Queen» von 1976 (junge tafelrund zusammen mit Singvoll).

Unter diesem breiten Bogen kamen die gut 40 Sänger der Cantatori mit ihren Liedern und ihrer unverwechselbaren Intonation wunderbar zur Geltung. Dem 200-köpfigen Publikum behagte der Mix aus Melodien mit vier Chören, es dankte mit kräftigem Applaudieren. Gefallen an der Vicanta findet schon lange auch die Stadt Lugano. Sie unterstützt das Chorfest nicht nur mit Beiträgen, sondern auch indem sie ihm den Spielort zur Verfügung stellt. Erstmals fand das Chorkonzert nämlich auf der Piazza des neu gebauten Campus Ost der Università della Svizzera Italiana in Viganello statt; unter anderem sind dort die Fakultät für Informatik und die neue Fakultät für biomedizinische Wissenschaften untergebracht. Die Stadtregierung liess sich am Abschlussessen durch Stadträtin Cristina Zanini Barzaghi vertreten; sie würdigte die Vicanta zu vorgerückter Stunde mit sichtlichem Vergnügen und lobte die Liedertafel speziell für ihr zukunftsweisendes Konzept mit drei Chören. Die Präsidenten der Cantori und der Liedertafel tauschten Worte der Freude und des Dankes aus; Ruedi Kämpfer überreichte seinem Kollegen Ennio Balmelli zur Erinnerung ein Leckerly. Nur eines, aber was für eines: Die Spezialanfertigung aus «Jakob’s Leckerly-Manufaktur» misst 40 mal 50 Zentimeter (für Uneingeweihte: Laden am Spalebärg). – Den wunderbaren Risotto übrigens hatten die Cantori in ihrem Vereinshaus zubereitet, das sie in jahrelanger Arbeit aus einem halb verfallenen Stall aus eigener Kraft auferstehen liessen.

Die Reise nach Lugano war neben dem Zusammentreffen singender Menschen aus der Süd- und der Nordwestschweiz auch ein touristisches Vergnügen: mit einem Ausflug auf den Monte Bré und einer Mittags-Schifffahrt auf dem Lago di Lugano. Der Dank der 80-köpfigen Reisegruppe an das Organisatorenteam mit Hanspeter Mathis, Ruth Buser, Urs Brunner und Hannes Müller sowie an den Reiseleiter und SBB-Troubleshooter Adel Said war warm und herzlich: «Gut gemacht!». Und die Erinnerungen an Vicanta 2022, ja, die werden wohl nachhallend in die Vereinsgeschichte(n) eingehen. A rivederci a Basilea, cari amici!

Ruedi Messerli